Geschichten und Legenden

Es gibt unzählige Geschichten und Legenden auf Bali, die sich um die magischen Kräfte dieses geheimnisvollen Ritualobjektes ranken. Ich will hier zwei kurze herausgreifen, die mir von einem hochintelligenten Mann, der ebenfalls auf Bali lebt, erzählt wurden, während ich die Recherchen für diesen Artikel anstellte.

Dieser Mann ist ein pensionierter Professor und arbeitete zuvor an einer Akademie für Medienwissenschaften in Deutschland. Als renommierter Trickfilmer hat er viele internationale Preise mit seinen Arbeiten gewonnen und zahlreiche Studenten ausgebildet. Er verfügt auch über ein gutes Wissen um den balinesischen Kris und besitzt selbst ein antikes Exemplar, das er in einem Schrank in seinem Haus verwahrt. Obwohl dieser Mann keineswegs leichtgläubig ist, erzählte er mir folgende Geschichten, die sich tatsächlich ereignet haben sollen:

Vor einiger Zeit kam er spät in der Nacht nach Hause und legte sich sofort schlafen. Am nächsten Morgen wollte er das Haus verlassen, konnte aber den Autoschlüssel nicht finden. Er suchte diesen überall im Hause - ohne jeden Erfolg. Er war durch das Abhandenkommen des Autoschlüssels gestresst, da er einen wichtigen Termin wahrzunehmen hatte. Plötzlich fiel ihm der Kris ein, den er im Schrank seit vielen Jahren aufbewahrte. Er holte ihn hervor und konzentrierte sich einige Zeit auf dieses magische Objekt und bat darum, dass ihm der Kris dabei helfen möge, die Autoschlüssel zu finden. Dann kniete er sich nieder und drehte den Kris am Boden, so dass dieser schnell rotierte. Als die Drehung aufhörte, wies die Spitze der Klinge seines Krises auf die Bank in diesem Raum. Er hatte zuvor alles abgesucht, auch die Bank, auf welche die Spitze des Krises zeigte. Der Professor machte sich also nochmals die Mühe und nahm die Bank genauer unter die Lupe. Dabei entdeckte er einen Riss im Leder der Sitzfläche. Er betastete die Umgebung des Risses und spürte unter dem Leder etwas Hartes: Der Autoschlüssel war gefunden. Dieser war ihm am Vortag offenbar aus der Tasche geglitten und in diesen Riss gerutscht. Durch die Bewegungen beim Sitzen hatte er sich ganz unter das Leder der Sitzbank geschoben.

 

Derselbe Mann erzählte mir eine weitere Geschichte, die sich lange Zeit danach ereignet haben soll. Er hatte an jenem Tag Erledigungen und Einkäufe an unterschiedlichen Orten durchgeführt, Freunde besucht und war danach am Strand von Sanur spazieren gegangen. Als er nach Hause kam, stellte er fest, dass er seine Brieftasche mit Geld und Kreditkarten und wichtigen Notizen verloren hatte. Da es ihm unmöglich war, sich daran zu erinnern, an welchem Ort er seine Brieftasche verloren hatte, bat er wieder seinen Kris um Hilfe und wiederholte die selbe Methode, die einst zum Auffinden des Autoschlüssels geführt hatte. Als die Drehung seines Kris zum Stillstand kam, deutete die Klinge wieder in eine ganz bestimmte Richtung im Hause. Da er aber wusste, dass er die Brieftasche außerhalb des Hauses verloren haben musste, konnte er zunächst wenig mit diesem Ergebnis anfangen. Erst als er die Richtung, in welche die Spitze seines Kris wies, gedanklich verlängerte und in seiner Imagination über die Begrenzungen des Hauses hinaus projizierte, wurde ihm bewusst, dass der Supermarkt, in dem er seine Einkäufe getätigt hatte, genau in dieser Richtung situiert ist. Er setzte sich ins Auto und fuhr los. Kurze Zeit später wurde ihm vom Manager des Supermarktes seine Brieftasche, die inzwischen gefunden und der Geschäftsführung übergeben worden war, ausgehändigt.